Publikationen

Eric Knauss, Marina Koffler, Olesia Brill:
»Analyse von Awareness-Bedarf bei verteiltem Requirements Engineering«

Software wird immer häufiger in verteilten Teams entwickelt. Gründe dafür können Einsparungspotentiale bei Outsourcing sein. Oft schließen sich aber auch Organisationen zusammen, um ihre jeweiligen Stärken in ein Verbundprojekt einbringen zu können [Bartelt2009]. Solche Verbundprojekte mit mehreren räumlich verteilten Partnern erfordern, dass auch das Requirements Engineering (RE) räumlich verteilt und stark arbeitsteilig abläuft. Um ein besseres Verständnis der dabei auftretenden Probleme zu erhalten, haben wir die Kommunikation von Anforderungen im verteilten Projekt Minotaurus genauer beobachtet [Stapel2009]. In diesem Projekt wurde über drei europäische Standorte verteilt eine Plattform für das Management von Scrum-Projekten entwickelt. Dabei zeigte sich, dass die meisten beobachteten Probleme direkt mit der Kommunikation zwischen verteilt arbeitenden Projektpartnern zusammenhingen. Häufig fehlte ein gemeinsamer Kontext, also das Verständnis für die Situation bei den Projektpartnern. Dieses Bewusstsein für den aktuellen Stand, die Vergangenheit und die zu erwartende weitere Entwicklung verteilter Arbeit nennt man Awareness [Buerger1999,Prinz2001,Streitz2001]. Bei verteiltem RE sind einige Ansätze naheliegend, um Awareness zu verbessern. CSCW. Unter CSCW (Computer-Supported Cooperative Work) versteht man Techniken und Werkzeuge, die bei verteilter und kooperativer Arbeit unterstützen sollen. Änderungsmanagement. Änderungsmanagement dient zur systematischen Verwaltung von Änderungen an Anforderungen und deren Auswirkungen. Im Minotaurus-Projekt reichten diese Ansätze jedoch nicht aus, um RE effektiv durchzuführen. So kamen zwar CSCW-Werkzeuge zum Einsatz (Videokonferenz, Wiki, Trac, ...), dennoch waren Status und Inhalt von Anforderungen häufig unklar. Obwohl ein Änderungsmanagement-Prozess definiert und die Verantwortlichkeiten klar waren, gab es Schwierigkeiten, Anforderungs-Änderungen nachzuvollziehen. Zum Einen ergaben sich während der Projektdefinition zu viele Änderungen, um sie effizient verwalten zu können. Zum Anderen war häufig nicht ersichtlich, wer durch eine Änderung betroffen war. Aus diesen Beobachtungen schließen wir, dass allgemeine Ansätze zur Verwaltung von Änderungen oder zur Unterstützung verteilter Arbeit nicht ausreichen. Verteiltes RE erfordert maßgeschneiderte Lösungen. So ist es bspw. während der Projektdefinition Aufgabe der verteilt arbeitenden Anforderungsingenieure, sich über relevante, geänderte Anforderungen bei den Partnern zu informieren. Dies kann nicht zentral geschehen, da Abhängigkeiten zwischen Anforderungen in dieser Phase noch zu klären sind. Hier ist eine Übersicht der aktuellen Änderungen der Anforderungen wichtig. Zudem muss jedem Beteiligten der aktuelle Status des Projekts bewusst sein. Die bisherige Entwicklung des Projekts muss nachvollziehbar und die zukünftige Entwicklung absehbar sein. Dieser Beitrag stellt einen ersten Schritt in diese Richtung dar und untersucht das Informationsbedürfnis beteiligter Rollen bei verteiltem RE am Beispiel eines verteilten Projekts. Es wird untersucht, wo frei verfügbare Kollaborationsplattformen nicht ausreichen und welche Mechanismen zusätzlich notwendig sind.