Publikationen

Thomas Flohr:
»Ein Framework als Grundlage der Ausgestaltung von Quality-Gate-Referenzprozessen für die Software-Entwicklung«

Noch immer wird eine große Anzahl von Softwareprojekten nur durch eine erhebliche Überschreitung von Zeit und Kosten oder im schlimmsten Fall gar nicht erfolgreich abgeschlossen, da die qualitative Situation vieler Projekte für das Management nicht einsehbar ist. Maßnahmen seitens des Managements werden daher häufig zu spät eingeleitet. Eine Lösung des Problems besteht darin, die qualitative Kontrolle von Projektergebnissen und die Möglichkeit für steuernde Eingriffe zu bestimmten signifikanten Zeitpunkten (so genannten Quality Gates) verbindlich für alle Projekte festzuschreiben. Beim Erreichen eines Quality Gates entscheidet das Management über die Fortsetzung des Projektes und notwendige Maßnahmen. Dazu werden geforderte Ergebnisse formal gegen vorher definierte Kriterien auf ihre Erfüllung hin geprüft. Quality Gates werden vielfach in anderen Domänen genutzt, zum Beispiel in der Automobil-Entwicklung und der Serienproduktion technischer Güter. Auch im Bereich der Software-Entwicklung werden sie zunehmend genutzt. Im Moment fehlt hierfür jedoch der theoretische Unterbau. Damit ein Unternehmen Quality Gates erfolgreich einsetzen kann, werden verschiedene Strukturen, Aktivitäten, Rollen, Dokumente und Hilfsmittel benötigt, die in einem Quality-Gate-Referenzprozess zusammengefasst werden. Die genaue Ausgestaltung eines Quality-Gate-Referenzprozesses orientiert sich dabei an den Bedürfnissen des Unternehmens. Da die Ausgestaltung keine triviale Aufgabe ist, benötigt das Prozessmanagement eines Unternehmens ein Framework, das die Ausgestaltung in vertretbarer Zeit ermöglicht. Dieses Framework stellt das zentrale Ergebnis dieser Dissertation dar. Leider wird das Quality-Gate-Konzept häufig mit anderen Konzepten gleichgesetzt. Ebenso existieren viele synonyme Begriffe. Daher ist eine einheitliche Terminologie und eine Charakterisierung und Abgrenzung des Quality Gates ein notwendiger Bestandteil des Frameworks. Um die notwendige Abgrenzung und Charakterisierung vornehmen zu können, wurden verschiedene Quality-Gate- Referenzprozesse aus der Literatur untersucht. Des Weiteren wurde eine empirische Erhebung im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt. Sie liefert weitere Ergebnisse und Hinweise auf Problempunkte. Aufbauend auf diesen Ergebnissen wurden die notwendigen Teilkonzepte von Quality-Gate- Referenzprozessen untersucht. Diese Teilkonzepte können auf insgesamt fünf Pakete aufgeteilt werden: Struktur-, Inhalts-, Review-, Steuerungs- und Anpassungskonzepte. Die Ausgestaltung der Teilkonzepte hängt maßgeblich davon ab, welche Strategie ein Prozessmanagement verfolgt: Quality Gates als einheitliche Qualitäts-Leitlinie oder Quality Gates als flexible Qualitätsstrategie. Das Prozessmanagement eines Unternehmens kann in Abhängigkeit einer der folgenden Ausgangssituationen das Framework einsetzen: Das Unternehmen besitzt keinen Quality-Gate-Referenzprozess. Das Unternehmen besitzt bereits einen Quality-Gate-Referenzprozess mit Defiziten. Das Unternehmen will seinen Quality-Gate-Referenzprozess optimieren. Resultierend können verschiedene Wege beschritten werden: entweder die Ausgestaltung von Grund auf oder die Analyse der Defizite durch Bewertungsprofile oder die Optimierung hinsichtlich Effizienz und Effektivität durch Erfahrungskreisläufe und den Einsatz von Softwarewerkzeugen. Nutzen und Mächtigkeit des Frameworks wurden anhand von drei Fallstudien validiert. Zwei der Fallstudien zeigen die Anwendung des Frameworks in studentischen Software-Projekten. Die erste Fallstudie untersucht die Verbesserung eines Quality-Gate-Referenzprozesses durch Bewertungsprofile und durch den Einsatz von Softwarewerkzeugen und Erfahrungskreisläufen. Dabei konnte der zeitliche Aufwand für das Gate-Review auf rund 28% gesenkt werden. Zusätzlich wurde die Anpassung des Quality-Gate-Referenzprozesses auf verschiedene Projektsituationen verbessert und die Kriterien durch Erfahrungskreisläufe optimiert. Die zweite Fallstudie beschäftigt sich mit der Ausgestaltung eines Quality-Gate-Referenzprozesses von Grund auf. Durch den Einsatz konnten die Auswirkungen verschiedener Vorgehen zur Erstellung von Kriterien untersucht werden. Die letzte Fallstudie untersucht die Mächtigkeit des Anpassungskonzeptes des Frameworks. Dabei kann das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte und auf Fuzzy-Logik basierende Anpassungskonzept problemlos zur Anpassung des Quality-Gate-Referenzprozesses des V-Modells XT genutzt werden.